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31.10.2006 | Tagungsbericht
„Religion und Psychose – Sinnsuche und Sinnstiftung im psychiatrischen Alltag“


Zu diesem Thema veranstaltete der Verein am 9.September 2006 im Harnack-Haus in Berlin-Dahlem eine Fachtagung, an der knapp 100 in der Psychiatrie Tätige sowie Gäste aus den Betroffenen– und Angehörigen- Verbänden teilnahmen.

„Meine Religion besteht in meiner demütigen Bewunderung einer unbegrenzten geistigen Macht, die sich selbst in den kleinsten Dingen zeigt, die wir mit unserem gebrechlichen und schwachen Verstand erfassen können. Diese tiefe, emotionelle Überzeugung von der Anwesenheit einer geistigen Intelligenz, die sich im unbegreiflichen Universum eröffnet, bildet meine Vorstellung von Gott.“

Mit diesem Gedanken Albert Einsteins - niedergelegt in seinem letzten Aufsatz „Science And Religion“ – eröffnete die Fachtagung im traditionsreichen Harnack-Haus in Berlin-Dahlem. Im Goethesaal eben dieses Harnack-Hauses hatte Einstein seinerzeit erstmals den Gedanken seiner Relativitätstheorie vorgestellt.

Der entscheidende Impuls zur Planung und Organisation der Veranstaltung, so wurde in der Einführung vom Vorsitzenden des Vereins (Dr. N. Mönter) dargelegt, fand sich in der alltäglichen Auseinandersetzung mit der persönlichen Seite und subjektiven Sicht der Patienten, im Hinblick auf deren Glaube oder Weltanschauung und der Frage der Sinnfindung in und mit der Erkrankung.
Die Resonanz auf die Einladung war beeindruckend und machte leider auch Absagen aus organisatorischen Gründen erforderlich, gab aber den Veranstaltern Recht mit ihrer Vermutung, daß diese Thematik in der fachpsychiatrischen Öffentlichkeit bislang eher zu kurz gekommen ist.
In der Einführung zur Tagung wurde darauf verwiesen, daß offenkundig weder die heute so dominierend auftretende Neurobiologie mit all ihren Einblicken in die menschliche Denk- und Fühlwelt und ihrem Verständnis von „gesund“ und „krank“ noch die subtil weiterentwickelte Psychotherapie der subjektiven und damit wieder auch objektiven Wirklichkeit des Patienten gerecht werden kann.

Die Verwobenheit von individueller Biologie und individueller Biographie, von Somatischem und Geistig-seelischem sei derart vielschichtig und komplex, daß eine Psychiatrie natürlich reduktionistisch erscheine, wenn sie diese letztlich nur im Subjekt auflösbare Komplexität unberücksichtigt lässt. In der objektiv nicht auflösbaren Verwobenheit von körperlich Vorgegebenem, persönlichem Geprägtsein und individueller Entscheidung finden sich auch die persönliche Einstellung zur Religion und das spirituelle Bedürfnis und die subjektive Begründung zur Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens und Schicksals. Dabei wiesen persönliche Entscheidungen im philosophisch-grundsätzlichen Sinn immer einen individuell und situativ- unterschiedlichen Grad von Freiheit auf. Und natürlich sei Prof. Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Institutes für Hirnforschung in Frankfurt und Mitglied der päpstlichen Akademie der Wissenschaft in Rom zuzustimmen, wenn er schreibt: „Wenn man den Himmel leer fegt von lenkenden Göttern, dann nimmt natürlich das Gefühl der Geworfenheit stark zu“.
Mit dieser Geworfenheit des Menschen fertig zu werden, sei Herausforderung genug für Gesunde Für labilisierte und psychisch erkrankte Menschen sei diese Geworfenheit allemal brutaler und verstörender. Die Suche nach Antwort und Sinn des Leidens werde existentiell, wichtig fürs Überleben. Hier liege ein Grund für die große Bedeutung der Religion.


Auf diesem in der Einführung formulierten Hintergrund-Anspruch einer am Menschen in seiner Gesamtheit orientierten Psychiatrie, von einigen – notgedrungen - als „anthropologisch“ bezeichneten Psychiatrie entfaltete sich ein hochspannendes Tagungsprogramm: Den historischen Aspekten, den „Wurzeln und Berührungen von Religion, Seelsorge und Psychiatrie“ spürte Prof. P. Bräunig aus unterschiedlichen Blickwinkeln nach, woran Prof. F. Reischies, der sich schon länger mit der Psychopathologie religiös geprägter Symptomatik beschäftigt, einen systematischen Überblick zu „Religion als Auslöser und als Inhalt psychischer Symptomatik und Erkrankung“ anschloss, den er mit eindrucksvollen Bildern vorwiegend christlichen Kulturgutes unterlegte.

Von vielen Teilnehmern als „kleine Perlen“ der Veranstaltung erlebt wurden die Behandlungserfahrungen aus der psychiatrisch-psychotherapeutischen Praxis, die von mehreren Vereinsmitgliedern jeweils als Ergänzung zu vorausgehenden grundsatzthematischen Referaten vorgestellt wurden: den Beginn machte Dr. N. Hümbs aus der Neuköllner sozialpsychiatrischen Schwerpunkt-Praxis, der über die Problematik eines jungen Psychotikers mit moslemischem Vater und protestantischer Mutter berichtete; nachfolgend schilderte A. Navarro-Urena eine Behandlungssituation mit einem isoliert lebenden, stark ritualisiert in Bibelversen sich vermittelnden Patienten. Juliane Veith und Dr. Monika Dahl führten die Behandlungsberichte später mit jeweils spannenden besonderen Aspekten weiter (Gratwanderung zwischen Stabilisierung und Labilisierung durch Religion sowie Vatersuche in der Religion) und am Nachmittag setzte der Vortrag der muslimischen Klinik-Kollegin Hadice Ayhan mit ihrer Schilderung eines sehr auf sie bezogenen türkischen Patienten und seiner Familie einen ganz besonderen Akzent in Richtung migrationsgebundener Problematik.

Noch vor der Mittagspause konnten die Teilnehmer den interessanten Gedanken von Prof. H. Stoffels zur Frage „Heilt Religion oder stört sie die psychiatrische Therapie?“ und der von V. von Weiszäcker formulierten These nachgehen, wonach in der modernen Psychotherapie wesentliche Momente religiöser Seelsorge wiederkehren; so würde sicher auch S.Freud („Religion als Massenwahn“ in „Das Unbehagen in der Kultur“) staunen, würde er heute Otto Kernberg mit seiner überaus positiven Beschreibung religiösen Glaubens und ihrer Gemeinschaften reden hören.
Oberarzt Dr. D. Schmoll, der sich gleichfalls schon länger mit der Funktion von Religion bei Krankheit und Krankheitsbewältigung befasst, führte das Thema mit spezifischen Eindrücken und Untersuchungsergebnissen aus den USA fort.


Zweifelsfreier Höhepunkt der bzgl. Themenvielfalt und Referenten anspruchsvollen Tagung war der Vortrag des renommierten Religions- und Islamwissenschaftlers Prof. Dr. Dr. P. Antes von der Leibniz-Universität Hannover über „Seelische Erkrankung und Therapie aus Sicht nichtchristlicher Religionen“: Psychische Erkrankung und die prophetische Medizin des Islam, der interkulturelle Vergleich des indischen Mystikers und von seinen Schülern als Heiligen verehrten Ramakrishna (1886 in Indien verst.) mit der als geisteskrank eingestuften und von Prof. Janet an der Salpetriére behandelten Madeleine Le Bouc (1921 in Frankreich verst.) sowie abschließend die Ausführungen über körperliche und seelisch-geistige Krankheit im Buddhismus zogen die Zuhörer in ihren Bann und begeisterten sowohl durch ihre inhaltliche Stringenz wie auch einen unterhaltsam-spannungsreichen Vortrag.

Prof. Dr. A. Diefenbacher berichtete nachfolgend über die Integration religiöser Orientierung hospitalisierter Patienten in Diagnostik- und Therapie-Programme in US-amerikanischen Kliniken und Klinik-Pfarrer Böttler führte diesen Aspekt mit seinen Erfahrungen über die „Seelsorge und psychiatrische Therapie im Klinik-Alltag“ weiter.

Die abschließenden Vorträge lösten sich dann vom Blick auf die Religion und befassten sich mit Grundfragen des psychiatrischen Alltags, mit der Begrenzung therapeutischen Handelns und Aspekten einer ausdrücklichen Sinnstiftung in der Behandlung. "Krankheit und Schicksal? Zum Umgang mit der Begrenztheit ärztlicher Handlungsmöglichkeiten" lautete der Vortrag von Prof. Dr. A. Heinz und er wies ausdrücklich auf die ärztlich zu akzeptierenden Therapiegrenzen hin, wie auch er Skepsis gegenüber einer allumfassenden Kausalitätsorientierung und raschen Symptom– und Krankheitsdeutung formulierte.
Prof. Dr. H. Gutzmann beendete das umfangreiche, wohl etwas sehr volle Tagungsprogramm mit seinen Überlegungen zur Frage der „Sinnstiftung als Aufgabe psychiatrischer Therapie?“. Seine Rezipierung des Konzeptes der Salutogenese von Antonowsky und dem immer wieder in therapeutischen Beziehungen wichtigen „Kohärenz-Faktor“, der Sinn über die Teilmomente „Verstehbarkeit“, „Handhabbarkeit“ und „Bedeutsamkeit“ induziert, ließ abschließend die Tagung mit all ihren Vorträgen und Diskussionen als nachhaltig „sinn-voll“ erscheinen - trotz oder auch wegen aller angestoßenen, offenen Fragen.

Mit eben diesem Eindruck nahm der Tagungstag dann nach einer spirituellen Tanzaufführung der Flamenco-Künstler-Gruppe um Amparo di Triana bei einem gemeinsamen, am sozialpsychiatrischen Vernetzungsgedanken orientierten Abschlussessen im Liebig-Gewölbe des Harnack-Hauses seinen Abschluß.

>> Das Tagungsprogramm zum Nachlesen finden Sie » hier (pdf)

>> Ein Themenband mit allen Vorträgen erscheint im Frühjahr 2007 im Psychiatrie-Verlag. Informationen dazu » hier

(Autor: Dr. N. Mönter)

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