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24.11.2011 | Bericht
3. Berliner psychiatrisch-religionswissenschaftliche Colloqium


Am 16.11.2011 fand in den Räumen des Berliner Instituts für Religionswissenschaft zum Thema „Gute Mächte, böse Mächte und Besessenheit“ das 3. Berliner psychiatrisch- religionswissenschaftliche Colloquium statt. Die Veranstaltung geht auf eine Initiative des Vereins für Psychiatrie und seelische Gesundheit zurück und wird einmal jährlich in Kooperation mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Campus Mitte und dem Institut für Religionswissenschaft der Freien Universität durchgeführt.

Herr Dr. Mönter, der Vorsitzende des Vereins ging in seiner Begrüßung kurz auf die Geschichte des psychiatrisch-religionswissenschaftlichen Colloquiums ein, dessen erste Veranstaltung im Jahr 2006 im Harnack-Haus stattfand. Daraus entstand ein Arbeitskreis, der es sich zum Ziel gemacht hat, professionell im Bereich der Psychiatrie Tätige in religiösen Fragen kundiger zu machen und – in anderer Richtung - psychiatrisches Wissen in die Kirchengemeinden zu bringen und damit größere Toleranz gegenüber psychisch Kranken zu ermöglichen.
Zum Thema der heutigen Veranstaltung betonte Herr Mönter die Bedeutung, die schützende und destruktive Kräfte in den inneren Bildern des Menschen spielen. Geister und Engel seien Ausdruck archaischer Bedürfnisse im Menschen und in vielen Religionen und Kulturen zu finden.
Er erinnerte besonders an die tröstende Kraft der guten inneren Bilder, wie sie z.B. in der Gedichtzeile von Dietrich Bonhoeffer zum Ausdruck kommt:

„Von guten Mächten treu und still umgeben
behütet und getröstet wunderbar ….“

Oder wie es im Volkslied heißt:

„Abends wenn ich schlafen geh
vierzehn Engel um mich stehn

zwei, die mich decken
zwei, die mich wecken…“


Im folgenden Hauptvortrag beschäftigte sich Sebastian Murken, Professor für Religionswissenschaft und psychologischer Psychotherapeut an der Psychosomatischen Fachklinik Bad Kreuznach mit der Bedeutung der Engel als Vertreter der guten Mächte. Engel haben ursprünglich die Stellung von Mittlerwesen eingenommen, um den Abstand zwischen Gott und den Menschen zu verringern. In den letzten Jahren haben sich die Engel zunehmend verselbständigt und eine darüber hinausgehende Bedeutung erlangt.
Nach einer Umfrage glauben in Deutschland 66% der Menschen an die Existenz von Schutzengeln, aber nur 63% an die Existenz Gottes. Dabei haben die Engel vielfältige Funktionen: sie gewähren Schutz, Hilfe, Heilung, Sinn, Liebe, Trost und Selbstwert-Stärkung. Die Engelsvorstellung wird dabei funktionalisiert im Sinne eines individuellen spirituellen Konzeptes zur Lebenshilfe. Als Ursache dieses gewachsenen Bedürfnisses nach Unterstützung sieht Professor Murken die gesellschaftliche Veränderung in Richtung einer „Wahlgesellschaft“, wo der Einzelne ständig gefordert sei, aus dem großen Angebot der Lebensmöglichkeiten das für ihn Passende zu wählen. Engel sind auf Grund ihrer Polyplastizität besonders geeignet, einen je persönlichen Zuschnitt als „individueller“ Schutzengel zu erhalten.

Professor Murken wies auf die umfangreiche Literatur zum Thema Engel und auf eine monatlich erscheinende Zeitschrift zu diesem Thema hin. Die Leserschaft – und die Besucher von entsprechenden Kongressen - setzen sich überwiegend aus Frauen zusammen. Während der christliche Glaube eher männlich geprägt sei, biete der Engelsglaube mehr weibliche Identifikationsmöglichkeiten und sei ein Frauenphänomen. In psychologischer Hinsicht wirke der Engelsglaube als Selbstermächtigung. Er suggeriere, dass fast alles möglich und erreichbar ist.
Der Engel erscheint als Dienstleister des Menschen auf dem Weg zur Wunscherfüllung. Damit ist der Forderungscharakter der Religion an die eigene Lebensführung eliminiert. Die Engel haben sich von Gott, von der Religion gelöst. Es scheint, als werde Gott nicht mehr gebraucht. Allerdings ergibt sich der Kontakt zu den Engeln meist nicht von alleine, sondern es bedarf bestimmter Rituale, um die Engel zu spüren und Kontakt zu ihnen herzustellen. Dazu werden in der Engelsliteratur viele Beispiele und Hinweise gegeben. Aus dem Bestreben, die Nähe der Engel zu erlangen, können unangemessene Umdeutungen der Realität entstehen – mit Übergängen zur Besessenheit.

Zusammenfassend hob Professor Murken hervor:
Engelskonzepte mit Engeln als gute Geister erfüllen bestimmte Bedürfnisse, die durch psychologische und sozio-kulturelle Umstände geprägt sind
Dabei liegt die Betonung stark auf positiven Elementen wie Licht und Liebe.
Das Dunkle und Böse ist ausgespart quasi abgespalten.
Die Engelskonzepte bringen benennbaren Gewinn und Risiken/ Kosten für den Einzelnen und die Gesellschaft.


Im klinisch orientierten Teil der Veranstaltung referierte Dr. Michael Rapp über die Psychopathologie, Psychodynamik und Therapie von „Besessenheit“. Herr Rapp arbeitet als Privatdozent in der Klinik für Psychiatrie der Charité und beschäftigt sich besonders mit interkulturellen Aspekten der Psychiatrie. Rapp nahm für seine Überlegungen das Rassenmodell Blumenbachs und die Degenerationstheorie Morels als Ausgangspunkt. Darin wird eine Entwicklung ausgehend von gesteigerter Nervosität über psychische Erkrankungen bis zur geistigen Behinderung aufgezeigt.
Eine vergleichbare Rangordnung wurde für psychotische Symptome aufgestellt, die nach dem Grad der Differenziertheit in einer Rangfolge von positiver zu negativer Symptomatik geordnet werden können. Herr Rapp berichtete über Untersuchungen aus Afrika, die ergaben, dass sich die klassischen Erstrang-Symptome der Schizophrenie eher bei verwestlichten Afrikanern fanden, während ansonsten eher eine polymorphe Symptomatik im Vordergrund stand.

Aus den von ihm vorgestellten Fallvignetten wurde ersichtlich, wie notwendig Kenntnisse über kulturelle und religiöse Einstellungen und Gebräuche von Patienten aus anderen Kulturen sind. Nur auf dem Hintergrund eines entsprechenden kulturellen Wissens kann verstanden werden, ob es sich bei dem Betroffenen um ein psychotisches Geschehen oder um ein aus dem sozialen und Vorstellungskontext heraus erklärbares Erleben und Verhalten handelt.

Im dritten Vortrag beleuchtete Dr. Andreas Reich die Thematik aus dem „seelsorgerischen Blickwinkel“. Herr Reich ist Pfarrer im Evangelischen Krankenhaus Elisabeth Herzberge und dort u.a. zuständig für die Abteilung Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Aus theologischer Sicht wird Besessenheit als innere Besitzergreifung eines Menschen durch eine fremde Persönlichkeit, einen Gott, einen Geist oder eine Kraft unter Ausschaltung der Eigentätigkeit eines Menschen (Chr. Daxelmüller) angesehen und oft teuflischen Geistwesen zugeschrieben. Im Exorzismus wird versucht, die die Besessenheit verursachenden Teufel oder Dämonen durch Beschwörungsformeln oder Befehle auszutreiben.
Die verschiedenen Rituale der Teufelsaustreibungen wurden 1614 im Rituale Romanum vereinheitlicht. 1999 wurde das Rituale Romanum überarbeitet und um Formeln ergänzt, die sich an Gott richten mit der Bitte um Befreiung von bösen Geistern und nicht ausschließlich an den Dämon selbst.
Seine eigene berufliche Tätigkeit als Krankenhauspfarrer definierte Dr. Reich als Begleitung von Menschen in Krisensituationen mit dem Angebot zur Lebensdeutung im Verständnis des christlichen Glaubens. „Werkzeuge“ dabei sind pastoralpsychologische Kenntnisse und die grundlegenden Haltungen des seelsorglichen Gesprächs wie Wertschätzung, Annahme des Gegenübers und Einfühlung. Der Mensch wird dabei als eingebunden in die größeren sozialen Systeme der Familie, der Nachbarschaft, des Stadtteils, des jeweiligen Milieus, des beruflichen Umfelds und der Gesellschaft gesehen. In der Begegnung mit Menschen aus einem anderen Kulturkreis komme es in besonderer Weise darauf an, nicht nur das Eigene, das Bekannte wahrzunehmen, sondern auch das Fremde.
In der Begegnung mit „Besessenen“ gehe es aus seelsorgerischer Sicht zunächst darum, mehr von ihrer aktuellen Lebenssituation und der Bedeutung ihrer religiösen Vorstellungen zu erfahren.
Der Seelsorger könne als Verständnisangebote biblische Geschichten mit einer ähnlichen Thematik einbringen. Er wird gemeinsam mit dem Betroffenen nach Schritten der Bewältigung suchen. Daneben werden Rituale – falls gewünscht – im Sinne eines Gebets (als Fürbitte) oder einer Segnung (besonders bei Depressiven) als hilfreich angesehen.

In der anschließenden von Prof. Friedel Reischies, Ärztlicher Direktor der Friedrich von Bodelschwingh Klinik, geleiteten Diskussion wurden noch einmal die positiven psychologischen Wirkungen der Engelsvorstellungen – u.a. aus der Sicht einer „Erfahrenen“ hervorgehoben. Deutlich wurde zudem, wie viel schwieriger sich der Umgang mit und die psychiatrische Einschätzung von Besessenen im eigenen Kulturbereich darstellt.

Die Diskussion wurde nach Abschluss der offiziellen Veranstaltung bei einem kleinen Imbiss im persönlichen Gespräch fortgesetzt.

(Autor: Dr. Norbert Hümbs)

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